Florian Stein

28. Februar 2008

Der Abschaffer

Der nette Herr, der dem BND neulich die Steuersünder-DVD übergab, hat connect Wolfgang Schäubles Tagebucheintrag vom Donnerstag, den 28. Februar 2008 zugespielt. Neben diesem brisanten Tagebucheintrag wirkt die Steuersünder-DVD wie eine Packung Erdnüsse. Deshalb müssen wir ihn veröffentlichen:

Liebes Tagebuch,

eigentlich darf kein Bürger in Deutschland gegen das Gesetz verstoßen. Und wenn doch, dann weiß ich meist sofort Bescheid, da ich ihn überwachen lasse. Wir beobachten jeden, der sich verdächtig verhält oder einen Verdächtigen kennt. Oder einen verdächtig gut kennt.

Damit keiner etwas böses macht, höre ich Telefone ab, lasse observieren, erstelle Bewegungsprofile und verwanze bei besonders bösen Buben auch mal die Wohnung.

Quelle: www.hayungs.de

Quelle: www.hayungs.de

Insgesamt greifen die Maßnahmen nicht so recht: Plötzlich verschlüsseln die bösen Buben ihre Kommunikation über etwas das man Internet nennt. Ich habe 2001 natürlich sofort eine Kommission eingesetzt die jetzt herausfand: Das Internet ist etwas, mit dem man einkaufen, klauen, verleumden, verschlüsseln und naja, also äh…. so Sachen anschauen kann. Im Bericht der Kommission stand, es sei eine Mischung aus Shopping-Center, Pranger, Telefonzelle und Pornovideothek.

Um dieses Internet machen zu können, braucht man ein bestimmtes Gerät, das man “Computer” nennt. Auf einem Foto, das dem Bericht beilag, sah das aus wie ein Fernseher mit angeflanschter Schreibmaschine. Sicher ist: Das Ding wurde von Luzifer gelötet.

Eine meiner Arbeitsgruppen entwickelte daraufhin ein Konzept: Wir überwachen ab sofort den Antichrist (Computer) und den Porno-Einkauf-Pranger (Internet). Dazu haben wir Unfug wie Informationelle Selbstbestimmung und Privatsphäre einfach abgeschafft. Wie schon das Bankgeheimnis und das Fernmeldegeheimnis.

Aber gestern haben die Störenfriede vom Verfassungsgericht gesagt, ich darf das nicht. Wenn überhaupt nur ein kleines bisschen und nur, wenn es jemand an den Kragen geht. Und auch dann nur, wenn es ein popliger Ermittlungsrichter erlaubt. Ja wo kommen wir denn da hin? Wenn das so weiter geht, führen die die Privatsphäre wieder ein. Und das Fernmeldegeheimnis.

Doch ein Spitzenmitglied unseres Arbeitskreises Lieber Schlapphut als Schlappschwanz kam heute morgen mit einer tollen Idee zu mir: “Wenn wir alles abgeschafft lassen wollen, müssen wir die abschaffen, die das Abgeschaffte wieder anschaffen wollen.” Also nichts wie los sagte ich ihm, “morgen schaffen wir das Verfassungsgericht ab!”

2 Reaktionen zu “Der Abschaffer”

  1. Reality2000 (Sascha)

    Endlich mal wieder ein Blog-Eintrag! Angenehme Satire mit der nötigen Portion Charme geschrieben… Wenn das Thema bloß nicht so tot ernst wäre…
    LG Sascha

  2. noplease

    @Reality2000 (Sascha):
    Das Thema ist keinesfalls tot ernst, sondern überaus lebendig - und genau deshalb wohl eher todernst.

    @Thema:

    Der moderne Staatsfeind hat längst mit Freude festgestellt, dass die Niederlassungen westlicher Länder in aller Welt (aka Botschaften, Konsulate, etc., …) und auch deren Armeen längst nicht mehr mit Lang- oder Kurzwelle und altmodischen Antennenwäldern arbeiten, wie noch zu Zeiten des kalten Krieges. Dort ist inzwischen so richtig toll “HighTech” im Einsatz, man nutzt für Daten und Telefonie natürlich Satelliten, Mikrowellenfunk & Co.. Das ist schneller, zuverlässiger, mobiler und dank Verschlüsselung mit US-Standards erspart es z.B. unserer Bundesregierung auch gleich das Anfertigen von Kopien für unsere Bündnisfreunde in Übersee.
    Und weil die alten Anlagen mehrheitlich auch brav zurückgebaut wurden, sind die, deren Aufgabe eigentlich das Lauschen ist, inzwischen ziemlich taub auf den lang- und kurzwelligen Ohren.

    Der moderne Staatsfeind schürt deshalb mit Vorliebe im Nahen Osten Rangeleien um den Betrieb oder Nichtbetrieb von Mobilfunknetzen. Nicht weil man jemanden wirklich damit orten könnte, sondern als reines Ablenkungsmanöver.

    Der moderne Staatsfeind will nämlich davon ablenken, dass er völlig entgegen den Erwartungen der Staatsschützer längst gezielt abgerüstet hat und unverwüstliche LW- und KW-Technik benutzt, um sich weltweit endlich wieder ungestört zu verständigen. Kaum etwas ist so unverdächtig, wie sich inmitten der bisher völlig unverdächtigen Amateurfunker zu tummeln.

    Wer von den heutigen Staatsschützern käme auch auf die bescheuerte Idee, dass man auch auf Amateurfrequenzen Attentate verabreden, Terrorzellen führen und Tausende indoktrinieren kann und dass der Bauplan für eine dreckige Bombe ebenso (und bei Verschlüsselung noch dazu völlig unbemerkt) per Packet-Radio verteilt werden kann…

    Die technologische Ahnungslosigkeit vieler “Berufspolitiker” (auffallend oft Juristen?!), deren Fantasielosigkeit und fast schon geniale Lernresistenz, vor allem derjenigen, die uns schützen sollen (aber nicht vor uns selbst), sind schon seit längerem und unabhängig von der regierenden Partei auf legendärem Niveau.

    Wenn Klausi heute seinen Klassenkameraden ansimst mit: “Brauch noch 1h, bin laden (^^), brings dann mit zu Dir.” - dann sind die beiden Verschwörer und planen ein Attentat. Dass das Attentat nur dem Geldbeutel der Rechteverwerter galt, weil Klausi damit einen geeselten Kinofilm meinte, ist dann auch egal, denn solche Vergehen stehen längst ebenfalls (mit fast gleichem Niveau) auf dem innenpolitischen Speiseplan. Wirtschaftsterrorismus sozusagen.
    Man kann wirklich gespannt sein, ab wann die Raubkopier-Mafia dazu übergeht, diejenigen aus ihren Reihen, die wegen Entdeckung in Haft kommen, auch als Martyrer zu bezeichnen… und das Kopieren als heilige Pflicht.

    Ja, Dinge ändern sich nun mal…

    … und während wir alle weiter gepampert und in immer mehr Lebensbereichen vor uns selbst und unserer eigenen Sorglosigkeit geschützt werden, brüten die großen Konzerne ungestört über Nachfolge-Kampagnen zum Thema “Geiz ist geil”, damit unser Volk sich selbst endgültig auch noch die letzten Fach-Arbeitsplätze unter’m Hintern wegspart.

    … und während hier planlose Hektik regiert, kennt und nutzt(!) der bärtige Mann im Wüstensand sein Wissen über den Unterschied zwischen analoger verbindungsloser und endpunkt-gebundener digitaler Kommunikation, um der Entdeckung zu entgehen.

    Es ist keine 40 Jahre her, da waren wir genauso unfähig wie heute, Terroristen durch ihre Kommunikation zu ergreifen - obwohl sie deutsch sprachen, die meisten in Deutschland lebten, man ein Vielfaches an Polizei- und Überwachungspersonal hatte und obwohl es “nur” Telefon gab und noch keine Computer, kein Internet… alles klar?!

    Der Gaul wird also nicht nur von hinten aufgezäumt, sondern man bildet sich ein, den Sattel direkt am lebenden Tier festnähen zu können…

    … schließlich gibt es kein Grundrecht, das einem Innenminister verbietet, das zu tun - oder?!

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